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[en] Architektur Galerie Berlin

Bauwelt 4.2024 250 Meter Durchmesser

Hannah Strothmann

Einer architektonischen Utopie anhand von Skizzen, Collagen und Berechnungen widmet die Architektur Galerie Berlin ihre aktuelle Ausstellung

Klimakrise, Kriege, Rechtsruck und Polarisierungstendenzen – die Zukunftsaussichten scheinen dystopisch. Ähnlich krisenhafte Zeiten waren in der Vergangenheit immer wieder Anlass für den Entwurf von Utopien als imaginierte Gegenwelten und Bewältigungsmechanismen. Die aktuelle Ausstellung in der Berliner Architektur Galerie nimmt nun die „Die Röhre“ aus den 1970er-Jahren als historisches Beispiel in den Blick. Auf 100 Blatt Schreibmaschinenpapier entwarf der Architekt Günther L. Eckert eine autarke Architektur, die allen Menschen ein Leben in Wohlstand ermöglichen und zugleich den Planeten vor wei­terer anthropogener Zerstörung bewahren sollte. Sechzig Seiten des Konvoluts hat Kurator Michael Fehr ausgewählt und stellt dem Entwurf in der Ausstellung städtebauliche Utopien aus Geschichte und Gegenwart gegenüber.

In Texten, Skizzen, Berechnungen und Collagen entwarf Eckert das „Kontinuum“, eine gigantische Röhre von 250 Metern Durchmesser, die als Brückenkonstruktion den Globus umspannen und eine Behausung für die gesamte Menschheit bieten sollte. Die Innenwelt konzipierte er als einen in sich geschlossenen technischen Regelkreis: Energie sollte durch Sonne, Wind, Wasser oder Rückgewinnungsprozesse generiert werden. Als Fortbewegungsmittel dienen elektromagnetische „Schwebeflitzer“. Auch die ausschließlich vegetarische Nahrungsmittelproduktion wäre nach dem Kreislaufprinzip gewährleistet, wie eine Skizze der Brotherstellung verdeutlicht. In diesen gedachten Zusammenhängen überzeugt der Entwurf noch heute.

Doch dann sind da auch Momente, in denen die Röhre aus heutiger Sicht befremdet. Nicht ohne Grund verläuft das Kontinuum zwischen dem 40. und 50. Breitengrad, denn dort lebten laut Eckert die meisten Menschen. Das mag damals statistisch richtig gewesen sein, zeugt aber auch von einer bundesrepublikanischen Perspektive, die die Gesellschaften des globalen Südens außer Acht ließ. Ähnlich erklärt sich der Höhenverlauf: In einer Skizze ist die Relation zur Münchner Frauenkirche dargestellt, deren Turmspitzen die Röhre knapp überragen würden. Dies ist als Ausdruck von Eckerts Verbundenheit mit seiner Heimatstadt zugleich ein typisch modernistischer Gestus, der die eigene Lebenswelt zur universellen Referenz erhebt. Kulturelle Besonderheiten oder individuelle Bedürfnisse finden nur theoretisch oder in der Innengestaltung Platz. Hier tauchen überraschende Spielereien auf, psychedelisch anmutende Collagen zeigen verschiedene Wohntypen als (re)aktive Räume.

Innerhalb der Röhre erscheint also vieles variabel – und doch absolut kontrollierbar. Denn neben modernistischen Ideen zeugt Eckerts Entwurf auch vom kybernetischen Steuerungs- und Technikoptimismus der damaligen Zeit, der bei ihm allerdings bereits von der Erkenntnis getrübt ist, dass der zunehmende Ressourcenverbrauch den Planeten und zukünftiges Leben bedroht.

Obwohl Eckert mit seinem Entwurf allen Menschen den gleichen Lebensstandard ermöglichen wollte, steht der politische Charakter des Zusammenlebens bei ihm nicht im Vordergrund, die soziale Organisation erscheint bestenfalls als Nebenschauplatz. Andere Architekturutopien der Zeit waren deutlich politischer positioniert, denen gegenüber Eckerts Vision technisch-lösungsorientiert wirkt. Das mag auch daran liegen, dass er aus der klassischen Architekturpraxis kam und an machbaren Lösungen interessiert war. Zu seinen bekanntesten Bauten zählt das Münchner Studentenwohnheim für die Olympischen Sommerspiele 1972, bei dem erstmals das von ihm entwickelte Bausatzverfahren zum Einsatz kam, das trotz rationeller Bauweise einen individuellen Innenausbau ermöglichte – ein Prinzip, das auch die Idee der Röhre prägte.

Erstaunlich ist aus heutiger Sicht, dass ein Architekt aus der Praxis, der eine durchgerechnete Utopie vorschlug, die zerstörerische Kraft und den immensen Ressourcenverbrauch des Bauens außer Acht ließ. Bedenkt man, wie viele Ressourcen nötig wären, um ein solch gigantisches Bauwerk aus dem Boden zu stampfen, entpuppt sich die Röhre, die sich über die „unberührte Natur“ legt, schnell als Illusion: Graue Energie war damals noch nicht Teil der Rechnung. Das ist Eckert als Kind seiner Zeit nicht vorzuwerfen, aber einer Utopie, die den Planeten schützen will und sich auf Berechnungen beruft, schon.