[en] Architektur Galerie Berlin

Hochparterre Unfreiweilliges Timeout

Jørg Himmelreich

Schweizer Architektur zieht beim Berliner Publikum! Das bewies der Besucheransturm letzten Donnerstag, dem 10. Mai bei der Eröffnung der Ausstellung Zeit Räume über die Arbeiten des Zürcher Architektenduos Gigon/Guyer. Das weiss auch Leiter Ulrich Müller und setzt daher bereits seit zehn Jahren vor allem auf helvetische Architektur und erklärt ergänzend: “In den Ausstellungen zeigen wir bewusst nie Pläne.” In der aktuellen Schau übernehmen entsprechend Aufnahmen des jungen Schweizer Filmemachers Severin Kuhn die Vermittlung von Gigon/Guyers architektonischem Werk. Projiziert auf die Wände wirken die Filme auf den ersten Blick wie kontrastreiche Standbilder, wie Diaprojektionen mit gleissenden Farben. Doch nimmt man sich Zeit, sieht man dass die Bilder bevölkert sind von subtilem Leben: Menschen sitzen im Museum, ein fahrendes Auto spiegelt sich in einer Fassade, Bäume bewegen sich lautlos im Wind. Architektur wird als sozialer Handlungsraum gezeigt. Die Bewegungen, das Spiel von Licht, Schatten und Reflektionen fügen den abgebildeten Räumen die Dimension “Zeit” hinzu … und Poesie. Vor allem die häufig von Gigon/Guyer eingesetzten spiegelnden Oberflächen entfalten in den Filmen eine besondere Kraft: Die Bauten wirken vielschichtig, mitunter ambivalent. Durch Glanz und teilweise kräftige Farben sind sie zwar stark präsent, nehmen sich aber gleichzeitig zurück, indem sie zu Projektionsflächen des Lebens in ihnen und um sie herum werden oder camouflageartig mit Kontext oder Himmel verschmelzen.

Zur Vernissage sprachen Regula Lüscher und Architekturkritiker Wilfried Wang. Wang, ein Kenner und Kritiker der Schweizer Architektur betonte den Einfluss von Gigon/Guyer auf die Entwicklung und den Charakter der helvetischen Szene insgesamt. In den späten 1990er Jahren hatte er den vorherrschenden Minimalismus und dessen geometrische Starrheit harsch kritisiert und als zum Klischee erstarrt verurteilt. “Warum sind viele moderne Bauten so kalt? Haben moderne Architekten Angst vor Gestaltung und Repräsentation? Verdrängen sie Behaglichkeit?” fragte er provokant und merkte speziell zur Deutschschweizer Architektur an: “Dem puristischen Protestantismus war alles Sinnliche suspekt.” Die Arbeiten von Gigon/Guyer der letzten zehn Jahre sind für ihn jedoch ein Ausweg aus dieser Sackgasse: “Sie haben auf subtile Art die Themen Farbe und das Skulpturale in die Architektur zurückgebracht. Ihre Kompositionstechniken führen weg vom Autistischen. Leichte Vor- und Rücksprünge, unterschiedliche Fenstergrössen und das Brechen mit Wiederholungen vermeiden Monotonie.” Insofern als in der Schau auch das Kirchner Museum in Davos zu sehen ist – eine Ikone des Minimalismus – wird jedoch klar, dass Gigon/Guyers Bauten der letzten zehn Jahre keinen Bruch mit der «reformierter Architekturmoderne» darstellen, sondern deren sensible Weiterentwicklung sind.

Regula Lüscher – ehemalige Leiterin der Zürcher Stadtplanung und massgebliche Triebkraft hinter der Entwicklung von Zürich West – hob  hervor, dass viele Projekte Gigon/Guyers aus den letzten zehn Jahren als Zeichen eines urbanen Auf- und Umbruchs gelesen werden können. Der Primetower – in der Schweiz Symbole für neue urbane Dichte und einen veränderten Massstab – wirkt jedoch gezeigt im Berliner Kontext beschaulich klein und fast wie ein Modell auf einer Spielzeugeisenbahn. Nicht nur, weil die Filme in Berlin aus Platzgründen kleiner projiziert werden, als Ende letzten Jahres in der Haupthalle der ETH Zürich, sondern auch weil der Massstab der Karl-Marx-Allee vor den Fenstern der Galerie generell alles gezeigte zu Miniaturen zusammenschrumpfen lässt.

Dass Berlin auch sozial ein grossstädtischeres Pflaster ist als Zürich, wurde gleich am Wochenende nach der Eröffnung deutlich: Da Einbrecher die Beamer und Abspielgeräte entwendeten, erfährt Zeit Räume derzeit ein unfreiwilliges Timeout. Ab Freitag wird die Ausstellung wieder zu sehen sein – dann jedoch bis zum 23.06.2012 auf Flatscreens.

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